Wer heilt, hat Recht? Welchen Studien kann man vertrauen?

Stand:
Angeblich wissenschaftliche Studien zu Nahrungsergänzungsmitteln gibt es viele, doch nur ein kleiner Teil ist wirklich aussagekräftig (hohe Evidenz). Worauf sollte man achten?
Welchen Studien kann man vertrauen

Das Wichtigste in Kürze:
Wirkung nicht bewiesen

  • Lebensmittelstudien sind in vielerlei Hinsicht fehleranfällig. Dadurch gibt es oft widersprüchliche Aussagen.
  • Studien unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Evidenz (Aussagekraft). Die höchste Evidenz (Ia) haben Metaanalysen und randomisierte kontrollierte Studien (RCT).
  • Ernährungsstudien sind häufig nur Beobachtungsstudien, ohne wirkliche Aussagekraft für einzelne Lebensmittel oder Inhaltsstoffe.
  • Für eine positive Bewertung von beantragten gesundheitsbezogenen Aussagen zu Nahrungsergänzungsmitteln durch die EFSA sind mindestens kontrollierte Interventionsstudien an Menschen (Evidenz 2a) und eine Erklärung des Wirkmechanismus erforderlich.
  • Studien an Tieren oder an Zellkulturen im Reagenzglas reichen nicht aus.
  • Studien sollten sich zudem auf das Produkt beziehen, nicht auf einzelne Inhaltsstoffe.
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Was sagt die Werbung?

Werbesprüche wie "unsere Studien zeigten" oder "unser Wirkstoff wurde ausgezeichnet" oder "hat einen Forschungspreis / Award bekommen" sind ohne weitere Informationen zu Art, Umfang und Veröffentlichungsort nichts wert. Dabei kommt es auch darauf an, dass die Studien tatsächlich in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht werden - echte Wissenschaft stellt sich der Diskussion mit anderen Wissenschaftler:innen und ist öffentlich zugänglich, z. B. in großen bibliographischen Wissenschaftsdatenbanken wie PubMed oder Livivo.

Eine Aussage wie "Wissenschaftlich geprüft durch Institut xy" hilft auch nicht weiter, in der Regel handelt es sich dabei nämlich lediglich um eine Qualitätsprüfung, sprich ob in der Herstellung die Arbeitsabläufe gemäß HACCP-Konzept (Hazard Analysis and Critical Control Points-Konzept, = Gefahrenanalyse kritischer Lenkungspunkte) eingehalten werden oder die Nährwertangaben stimmen.

In einigen wenigen Fällen halten Anbieter:innen ihre Studiendaten geheim und geben sie nur der Europäischen Lebensmittel­sicherheitsbehörde EFSA bekannt, um so später für einige Jahre exklusive gesundheitsbezogene Aussagen nutzen zu können. Damit werden sie aber ganz sicher nicht schon im Vorfeld werben.
 

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Wer heilt, hat Recht?

Für Nahrungsergänzungsmittel wird vor allem im Internet und im persönlichen Gespräch häufig mit krankheitsbezogenen Aussagen oder Heilversprechen geworben. Das ist nicht nur unseriös, sondern in der Regel auch verboten.

Ausnahmen davon sind einige wenige "disease reduction claims" (Angaben über die Verringerung eines Krankheitsrisikos), die von der EU zugelassen wurden. Aber auch Aussagen wie "zur besseren Versorgung des Knorpels mit Nährstoffen" oder Erfahrungsberichte wie "seit ich xy nehme, fühle ich mich wieder viel fitter" suggerieren eine Wirksamkeit, die über die bloße Zweckbestimmung von Nahrungsergänzungsmitteln (nämlich fehlende Bausteine in der Ernährung zu ergänzen) hinausgeht und schon einen (so nicht zulässigen) Gesundheitsbezug andeutet.

Fehlt eine wissenschaftliche Basis, wird oft mit plausibel erscheinenden pseudo­wissenschaftlichen Erklärungen gearbeitet. Häufig liegt der Mangel an wissenschaftlichen Studien und Daten darin begründet, dass die Stoffe aus Ländern stammen, in denen die medizinische Versorgung auf "traditionellen" Heilverfahren (Medizinmann-Wissen) beruht. Das macht aber oftmals auch den Reiz alternativer Methoden aus - und die Hoffnung auf sanfte, natürliche Produkte.

Erfahrungen können für Nahrungsergänzungsmittel aber nicht geltend gemacht werden. Hier müssen möglicher Nutzen oder Schaden nach wissenschaftlichen Regeln bewertet werden.

Rechtlicher Hintergrund:

In den Artikeln 5 und 6 der EU-Verordnung über gesundheitsbezogene Angaben (VO (EG) 1924/2006 heißt es dazu sinngemäß, dass entsprechende Angaben nur zulässig sind, wenn

  • sie sich auf allgemein anerkannte wissenschaftliche Nachweise für eine positive ernährungsbezogene oder physiologische Wirkung stützen und durch diese abgesichert sind,
  • die Substanz, für die die Angabe gemacht wird, in nach allgemein anerkannten wissenschaftlichen Nachweisen in ausreichender Menge enthalten ist,
  • wenn die Substanz in einer für den Körper verfügbaren Form vorliegt,
  • wenn die dafür nötige Menge der Substanz mit dem Produkt auch vernünftigerweise verzehrt werden kann.

Im Erwägungsgrund Nr. 23 der Verordnung heißt es zusätzlich "Gesundheitsbezogene Angaben sollten für die Verwendung in der Gemeinschaft nur nach einer wissenschaftlichen Bewertung auf höchstmöglichem Niveau zugelassen werden. Damit eine einheitliche wissenschaftliche Bewertung dieser Angaben gewährleistet ist, sollte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit solche Bewertungen vornehmen."

Was sind allgemein anerkannte wissenschaftliche Nachweise?

Werden für ein Produkt Wirkbelege und Studien genannt, sollte Sie sich diese ruhig einmal genauer anschauen. Für einen wissenschaftlichen Nachweis muss ein kausaler Zusammenhang (Ursache-Wirkungs-Beziehung) zwischen einem Stoff und einer Wirkung gezeigt werden. Eine Korrelation (wie die Anzahl der Störche und die der Geburten) reicht nicht. Gut ist es, wenn dabei auch der Wirkmechanismus beschrieben werden kann.

Idealerweise gibt es zu einem (genau beschriebenen) Nahrungsergänzungsmittel oder Nährstoff (wie beispielsweise einem Pflanzenstoff) mehrere wirklich gute Studien am Menschen. Untersuchungen an Zellkulturen eignen sich nämlich nur zur Entwicklung von biochemischen Theorien und können erste Erkenntnisse liefern. Will man Ergebnisse aus Tierversuchen verwenden, muss zunächst einmal der tierische Stoffwechsel für diese spezielle Substanz dem des Menschen ähneln. Untersuchungen zu Vitamin C beispielsweise kann man nicht mit Kaninchen oder Hunden machen, da diese selbst Vitamin C herstellen können. Tierversuche werden daher vor allem für Studien zur Toxizität (Giftigkeit) von Stoffen gemacht.

In diesem MedWatch-Artikel wird am Beispiel von Traubenkernextrakt (Resveratrol) gut beschrieben, wie mit angeblicher Wissenschaft geschummelt wird.

 

Welche Studientypen gibt es?

Wissenschaftliche Studien können verschiedenster Art sein. So gibt es Experimente, vergleichende Untersuchungen, Beobachtungsstudien, Fallbeschreibungen, Erfahrungsberichte, Umfragen oder Interviews. Diese können an Menschen, Tieren oder an Zellkulturen durchgeführt werden. Manchmal handelt es sich auch um reine Reagenzglas-Untersuchungen, wie beispielsweise bei der Ermittlung des antioxidativen Potentials eines Lebensmittels, dem sogenannten ORAC-Wert (Oxygen Radical Absorbance Capacity), also der Fähigkeit, Sauerstoffradikale abzufangen. Dann ist gar keine Aussage über die Wirkung beim Menschen möglich.

Studien müssen je nach Fragestellung unterschiedlich aufgebaut sein. Für den medizinischen Bereich gibt es daher andere Anforderungen als im Ernährungsbereich. Studien zu Nahrungsergänzungsmitteln liegen irgendwo zwischen beiden Gebieten.

Wichtig ist auch, wie viele Personen an einer Studie teilnahmen und ob sie alle die gleichen Ausgangs­voraussetzungen hatten. Auch diese Ausgangs­voraussetzungen müssen zur Fragestellung der Untersuchung passen. Sind die Personen alle gesund, wie ist ihr Ernährungsstatus, haben sie Übergewicht, wie ist die Geschlechter- und Altersverteilung, treiben die Personen Sport, rauchen sie, schlafen sie ausreichend, haben sie beruflichen Stress. Alle diese Faktoren müssen - mehr oder minder ausgeprägt - bei einer guten Studie berücksichtigt werden. Man spricht hier auch von BIAS - einer durch falsche Untersuchungsmethoden (z. B. Suggestivfragen) verursachten Verzerrung der Ergebnisse. Für die Überprüfung  solches BIAS in Interventionsstudien gibt es ein spezielles deutschsprachiges Manual

Prinzipiell kann also jede Studie im Studiendesign so angelegt werden, dass genau die gewünschten Ergebnisse herausgefunden werden, man muss dafür nur die geeigneten Rahmenbedingungen schaffen. Deswegen sollten Sie nie auf die Ergebnisse einer einzigen Studie vertrauen, sie ist lediglich ein Hinweis, der unbedingt durch weitere Studien - anderer Arbeitsgruppen - bestätigt werden muss.

Studien sind sehr unterschiedlich in ihrer Aussagekraft, wie sich aus der Übersicht der verschiedenen Studienarten ersehen lässt. Grundsätzlich ist die Beweiskraft bei Fallbeschreibungen überhaupt nicht gegeben. Sie sind lediglich Beobachtungen, die zu einer Hypothese führen, die wiederum idealerweise mit einer randomisierten, kontrollierten Interventionsstudie (Goldstandard, RCT = randomized controlled trials) bewiesen wird. Aber auch das ist nur eine einzelne Studie, hiervon sollte es möglichst mehrere geben. Eine statistische Analyse aller dieser (vergleichbaren) Studien wird dann als Metaanalyse bezeichnet, diese liefert die beste Evidenzklasse Ia. Meinungen von Experten oder anerkannten Autoritäten haben die schlechteste Evidenzklasse IV. Gibt es übereinstimmende Ergebnisse aus vielen Studien der Klassen I und II wird eine Wirkung als "überzeugend" bezeichnet.

  • Welche Qualität haben die Studien für ein Nahrungsergänzungsmittel? Schauen Sie genau, welche wissenschaftlichen Beweise angeführt werden.
  • Was genau wurde untersucht? Sind die Studien wirklich aussagekräftig und beziehen sich auch auf das Produkt selber oder nur auf bestimmte Inhaltsstoffe, z.B. Resveratrol?
  • Sind diese Studien tatsächlich veröffentlicht worden - und zwar nicht nur auf der Homepage oder in einem Faltblatt des Unternehmens?
  • Gibt es Interessenkonflikte, sprich wurden die Studienautoren oder die Studie selber von einem Unternehmen bezahlt? Unter seriösen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften steht immer eine Erklärung zum Interessenkonflikt.
  • Haben andere Arbeitsgruppen anderer Universitäten oder in anderen Ländern die gleichen Ergebnisse erzielt?Wenn Sie unsicher sind: Sprechen Sie mit Fachleuten wie Ärzt:innen, Apotheker:in oder qualifizierte:r Ernährungsberater:in über Produkt und Studienlage oder fragen Sie hier.
  • Und manchmal hat man es in redaktionellen Beiträgen auch mit Schleichwerbung zu tun.

 

Downloads:

 

 

Weiterführende Informationen

Studientypen in der Ernährungswissenschaft. Ernährungsradar (14.12.2023)

Infografik zur Hierarchie in der Wissenschaftsevidenz (abgerufen am 28.02.2023)

gesundheitsinformation.de: Welche Studienarten gibt es? Stand: 25.03.2020 (abgerufen am 28.02.2023)

Ernährungswissenschaftliche Studien und ihre Evidenz

Leitfaden Ernährungsstudien: Wissenschaftliche Studien richtig lesen, verstehen und wiedergeben. forum Ernährung.heute, 2022

Quarks: Darum solltest du nicht jeder Ernährungsstudie glauben, aktualisiert 12.04.2022 (abgerufen am 28.02.2023)
 

Infografik zur Hierarchie in der Wissenschaftsevidenz (abgerufen am 28.02.2023)

EFSA (2012): Die wissenschaftliche Bewertung gesundheitsbezogener Angaben durch die EFSA

Video: Die wissenschaftliche Bewertung gesundheitsbezogener Angaben durch die EFSA (abgerufen am 28.02.2023)

EUFIC (2017): Der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität (abgerufen am 28.02.2023)

Kostenloser Online-Kurs "Evidence Essentials" von Cochrane Deutschland: Einführung in die Themen evidenzbasierte Medizin, klinische Studien und Cochrane Reviews (abgerufen am 28.02.2023)

Braun C et al. (2021): Manual Bewertung des Biasrisikos in Interventionsstudien. Version 2.0 vom 10.05.2021

Müller H (2021): Wenn die eigene Intuition trügt. MedWatch, Stand: 22.08.2022 (abgerufen am 28.02.2023)

Bechthold A (2022):  Unter dem Deckmantel faktenbasierter Information: Traubenkernextrakt - viel Schmu um Heilversprechen. MedWatch, Stand: 02.11.2022 (abgerufen am 28.02.2023)

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